Am 28. Juni 2026, einem Sonntag, um 22 Uhr klemmte unsere Wirtin zum letzten Mal den abgegriffenen Holzknüppel in die Eingangstür der Gaststätte, genauso wie seit vier Jahrzehnten schon.
1987 wurde Claudia Ehrenhard von der HO (Handelsorganisation der DDR) als Objektleiterin im „Lindenhof“ eingesetzt, machte sich 1990 als Wirtin selbständig und übernahm das Restaurant von Familie Lieske zur Pacht.
Claudia wohnte seit ihrem sechsten Lebensjahr mit Eltern und Schwester in der zweiten Etage über der Gaststätte, unter ihnen die Eigentümer. Ihr Vater, Wolfgang Lehmann, leitete die HO-Gaststätte von 1967 bis 1980. Seine Frau Gertrud hatte das Regime in der Küche, während Wolfgang, immer adrett mit Lederschürze, am Tresen stand und Bier zapfte. Über sich an der Decke hing seine Bier-Bembel-Sammlung.
Damals feierten die Pätzer noch jährlich das Rosenbaumfest im und am Lindenhof, organisiert vom Dorfclub. Der Wirt lud am Pfingstsonntag in den „Rosengarten“ zum Pfingstkonzert mit Live-Musik ein. Ab 1984 konnte dann auch gekegelt werden, denn auf Anregung des Dorfclubs war eine Kegelbahn gebaut worden.
Da es damals noch üblich war, nach der Arbeit ein Feierabendbierchen zu trinken, waren die vier Restaurants, die es in den 1960er Jahren in Pätz noch gab, gut besucht. Hier wurde nicht nur getrunken, hier wurden u.a. auch die Geschäfte gemacht. „Hast Du Zement? Ich kann dir Holz besorgen. Hand drauf.“ Und das funktionierte. Man konnte ja Baustoffe nicht so einfach jederzeit im Baumarkt kaufen. Beziehungen waren das A und O und diese wurden an den Kommunikationspunkten geknüpft und gepflegt. Die neuesten Dorfgeschichten konnte man hier erfahren und nahm Anteil, denn bei 800 Einwohnern kannte Jeder Jeden im Dorf. Es gab gute Ratschläge und Hilfe.
Der Saal des „Lindenhofes“, Mitte der 1920er Jahre erbaut, war lange Zeit nicht nutzbar, wurde aber nach Renovierungsarbeiten im August 1961 mit einer Tanzveranstaltung wiedereröffnet. Viele Jahre fanden hier allerlei Feiern, regelmäßig Diskos und etliche Konzerte statt. Die Räume des Pätzer Jugendclubs befanden sich an der Stirnseite des Saales in der Depotstraße (damals noch „Am Depot“). Die Mitglieder und der DJ Bernd Riemer schafften es mehrmals, DDR-bekannte Bands wie „Babylon“ oder „Joco Dev“ in den „Lindenhof“ nach Pätz zu holen. Sportgruppen, wie Federball- und Tischtennisspieler, nutzten den Saal regelmäßig für Training und Turniere. Die Federballspieler vom 1960 gegründeten Verein „Traktor Pätz“ traten 1968 für die Maschinen-Traktoren-Station „MTS Pätz“ an. Sie schafften es beim Aufstiegsturnier in Berlin sogar in die Oberliga (vergleichbar mit der heutigen Bundesliga). Die Freizeitsportler aus Pätz gehörten damit zu den acht besten Federball-Mannschaften der DDR. Trainingszentrum war der Saal der Gaststätte „Lindenhof“, wo auch die Punktspiele ausgetragen wurden.
1984 musste der Saal erneut wegen Baumängeln geschlossen werden. Die damalige Eigentümerin Helga Lieske (+1997) und die Gemeinde Pätz, vertreten durch die Bürgermeisterin Doris Damm, schafften es mit Hilfe vieler Pätzer Bürger den Saal bis 1989 wieder instantzusetzen. Ab 1990 stand nun weiteren Feiern nichts mehr im Wege. Regelmäßig fanden bis 2011 Tanzveranstaltungen, private Familienfeste, der jährliche Siedlerball und die, von der Pätzer Feuerwehr organisierten Silvester-Partys statt. 1999 z.B. füllte sich der Saal, denn die Autoren der Broschüre „500 Jahre Pätz“, Brigitte und Klaus Lehmann-Dreistadt, stellten im Jubiläumsjahr die Geschichte unseres Ortes in einem Vortrag dar. Leider wurden Saal und Gaststätte nie wirklich grundsaniert. Nach der Wende kümmerten sich die Lieske´schen Erben, die u.a. in Westdeutschland ansässig sind, um die Gebäude. Der Putz wurde ausgebessert, die Fassade gestrichen. Neue Holzschilder wurden installiert. Einige Zeit herrschte ein reges Treiben bis derjenige, der sich für das Erbe verantwortlich fühlte, starb. Von da an fielen Reparaturen und Werterhaltung wieder in einen Dornröschenschlaf – und erwachten bis zur jetzigen Schließung leider nicht mehr. Immer wieder wurden die Dächer von Wohnhaus und Tanzsaal undicht und mussten repariert werden. Das und andere kleinere Reparaturen übernahmen ortsansässige Handwerker gegen ein Freibier und das Dankeschön der Wirtin. Ab 2012 war der Saal dann nicht mehr für die Öffentlichkeit nutzbar. Der Eigentümer besuchte Pätz 2023 und beschloss, das gesamte Gelände zu verkaufen. Ein Makler wurde beauftragt, die Scheunen und Ställe des ehemaligen großen Bauernhofes abgerissen und das Areal parzelliert. Claudia Ehrenhard bekam die Kündigung sowohl ihrer Wohnung als auch der Gaststätte und stand erstmal vor dem Nichts. Zum Glück zog die gerichtliche Auseinandersetzung sich zweieinhalb Jahre hin, so dass sie der Rente etwas näherkam und in Pätz eine neue Bleibe finden konnte. In den letzten Wochen, ja Monaten, seitdem klar war, dass der „Lindenhof“ keinen weiteren Bestand mehr haben darf, nutzten viele, auch Auswärtige, die Gelegenheit, noch einmal oder überhaupt zum ersten Mal bei Claudia einzukehren. Durch Pressemeldungen und Mundpropaganda waren viele Leute auf die Kneipe aufmerksam geworden. „Futtern wie bei Muttern“ war der Slogan des monatlichen „Essen satt“ für 9,60€. Durch die Corona-Regeln gab es ab Frühjahr 2020 für zwei Jahre die Variante des „Essens außer Haus“. Als sich die Menschen wieder treffen durften, hatten sich die Öffnungszeiten verändert. Nun war Claudia von Donnerstag bis Sonntag für ihre Gäste da. Auf der festen Karte standen das legendäre Bauernfrühstück mit dem leckeren Rohkostsalat, Soljanka, Sülze und Bratkartoffeln, Schnitzel und einiges mehr zum Preis zwischen 5 und 7 €. Zusätzlich wechselten wöchentlich am Wochenende drei bis vier Gerichte je nach Jahreszeit und Angebot: z.B. Eisbein, Entenkeulen, Steak mit Letscho oder Königsberger Klops, natürlich auch außer Haus. Man war gut beraten, sich anzumelden, denn die Möglichkeit am Wochenende in netter Gesellschaft Essen zu gehen, wurde gern genutzt. Natürlich war das auch den wirklich moderaten Preisen geschuldet! Und dann gab es die Stammkunden. Jeden Donnerstag um 18.30 Uhr fanden sich die Herren vom „Stammtisch“ ein. Nach einem kräftigen Essen, abgerundet durch Schokoladenpudding mit Vanillesoße oder „Kalten Hund“ (Kekstorte), kam das wichtigste Thema auf den Tisch: Was gibt´s denn Neues in Pätz und Umgebung? Wenn sich die Runde nach etlichen Bieren auflöste, hatte man Verabredungen, Hilfsangebote und Problemlösungen in der Tasche. Pünktlich jeden Sonntagnachmittag trafen sich die Dartspieler und stellten ihr Können unter Beweis. Als Nachbarn konnten wir gut verfolgen, wenn es sehr gute Würfe gab, denn diese wurden durch lautes Jubeln und Klatschen begleitet. Die Volkssolidarität lud ihre Mitglieder regelmäßig zu Spiele- und Kegelnachmittagen sowie Grillfesten ein. Und dann waren da noch viele Gäste, die immer mal auf ein Bierchen oder eine Weinschorle vorbeikamen um ein bisschen am Familien-Tisch zu quatschen. Für externe Feiern zauberte die Wirtin gern und mit viel Geschick leckere Buffets mit allem, was das Herz begehrt. Fast alle „alten“ Pätzer können auf Geburtstage, Versammlungen, Tanzveranstaltungen zu Fastnacht, Hochzeits-, Jugendweihe- und natürlich auch Trauerfeiern zurückblicken, die entweder im „Lindenhof“ oder auswärts durch das Können von Claudia den entsprechenden Rahmen erhielten. Unbedingt sollen an dieser Stelle auch die „guten Geister“ in Form ihrer Freundinnen Beate und Petra, sowie ihrer Schwester Sylvia Erwähnung finden. Sie hielten sich jahrelang hilfsbereit im Hintergrund, wenn der Kalender voll und die Arbeit viel waren. Vorerst zum letzten Mal bediente Claudia in diesem Jahr auf dem Bierwagen beim Pätzer Sommerfest den Zapfhahn. Diese Gelegenheit ergriff der Ortsbeirat und verlieh ihr die Ehrenmedaille „525 Jahre Pätz“. Die Ehrung hat Claudia Ehrenhard nach vier Jahrzehnten als Gastwirtin des „Lindenhofes“ wirklich verdient!
Nun bleiben die Rollläden der Gaststätte geschlossen. Unterdessen wurden schon einige moderne Einfamilienhäuser im Umfeld errichtet. Der Lindenhof hat einen neuen Besitzer. Dieser will allerdings alles abreißen und neu bebauen lassen. Damit ist dann die Ära des Lieske´schen Bauernhofes, gegründet 1758, der in den goldenen 1920er Jahren von einer Umspannstation für Fuhrwerke zum Gasthof mit Fremdenzimmern, Tanzsaal und Tankstelle expandierte (siehe Artikel im Bestwiner 11-2023), nach über 250 Jahren beendet. Es ist sehr bedauerlich, dass sich kein lokaler Investor gefunden hat, der wenigstens die Gastronomie erhält, denn Pätz hat somit einen wichtigen Kommunikationspunkt verloren.
Britta Bergter (Ortschronistin Pätz)






